Hilfe bei Alltagssituationen
Von der Krisenintervention zur systemischen Veränderung

Definition von Alltagssituationen:
Mehr als der „einfache“ Alltag

Alltagssituationen werden häufig auf praktische Herausforderungen wie Haushaltsführung oder
Arztbesuche reduziert.

In Wirklichkeit umfassen sie jedoch alle Lebensbereiche, in denen Menschen ihre Autonomie und Teilhabe gefährdet sehen.

Dazu gehören:

  • Existenzielle Unsicherheiten: Wohnungsverlust durch Eigenbedarfskündigungen, unzureichende Pflegestufen, drohende Abschiebungen.
  • Systemische Übergänge: Entlassung aus Haft oder Krankenhaus, Obdachlosigkeit.
  • Fluchterfahrungen.
  • Psychosoziale Belastungen: Isolation, Vereinsamung, besonders bei älteren Menschen, sowie der Mangel an niedrigschwelliger Betreuung.

Hilfe bedeutet hier nicht nur praktische Unterstützung, sondern advokatorisches Handeln:
Menschen in Schieflagen werden begleitet, um ihre Rechte durchzusetzen und verlorenes
Vertrauen in Systeme zurückzugewinnen.


Konkrete Herausforderungen und kreative Lösungsansätze


A) Wohnungssuche und Haustiere

Das Problem:
Obdachlose oder wohnungssuchende Menschen mit Tieren werden systematisch
ausgeschlossen.

Tiere sind häufig die letzte verbliebene emotionale Bindung und kein „Luxus“.

Lösungsansätze:

  • Beratung bei Vermittlung von tierfreundlichen Notunterkünften und Langzeitwohnungen.
  • Aufklärungsarbeit bei Vermietern und Wohnungsgenossenschaften, um Sensibilität für die therapeutische und soziale Funktion von Tieren zu schaffen.

Dies wäre dringend notwendig:
Zusammenarbeit mit Tierschutzorganisationen für vorübergehende Pflegestellen in Krisen.



B) Entlassene Strafgefangene und systemische Desintegration

Die Herausforderung:
Nach der Haft folgt oft ein Vakuum – keine Wohnung, keine Arbeit, stigmatisierende Bürokratie.

Lösungsansätze:

  • Vorbereitende Case-Management-Gespräche noch während der Haft.
  • Vernetzung mit Arbeitgebern, die bereit sind Menschen eine zweite Chance zu geben.
  • Rechtsberatung zu Fragen der Führungszeugnisse und sozialrechtlichen Absicherung.


C) Eigenbedarfskündigungen: Das unterschätzte Drama

Oft herrscht der Irrglaube,
Eigenbedarfskündigungen seien einfach durchsetzbar.
Tatsächlich unterliegen sie strengen Voraussetzungen (z.B. tatsächlicher, berechtigter
Eigenbedarf, Verhältnismäßigkeit).

Viele Mieter – besonders Ältere – kennen ihre Rechte nicht.



Notwendig:

  • Flächendeckende, verständliche Aufklärung über Mieterrechte.
  • Kostenlose anwaltliche Erstberatung bereits beim Erhalt der Kündigung.
  • Psychosoziale Begleitung, da der drohende Wohnungsverlust existenzielle Ängste auslöst.

Langfristige Perspektiven:
Alternative Wohnformen und der Kampf gegen Vereinsamung

Die klassischen Versorgungsstrukturen (Altenheime, betreutes Wohnen) entsprechen nicht immer den Bedürfnissen der Menschen.


Zu Diskutieren:

  • Gemeinschaftliche Wohnprojekte: Generationenübergreifende WGs, „Dorfgemeinschaften“ im städtischen Raum.
  • Unterstützte Wohnformen für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder nach Haft: Eingliederungshilfen, die auf Selbstständigkeit abzielen.
  • Quartierszentren als niedrigschwellige Anlaufstellen: Orte der Begegnung, Beratung und aktiven
  • Teilhabe, die Isolation durchbrechen.

Das Behördendilemma:

Sackgassen systemisch überwinden, Behörden agieren oft nach starren Regeln, die komplexe Lebenslagen nicht abbilden.

Die Folge: Anträge werden abgelehnt, Hilfesuchende resignieren.


Vorschläge für Veränderung:

  • Fortbildungen für Sachbearbeiter: Sensibilisierung für traumatisierte, mehrfach-belastete oder obdachlose Menschen.
  • Case-Management-Stellen: Unabhängige, behördenübergreifende Begleitung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
  • Digitalisierung mit Menschlichkeit: Barrierearme Antragssysteme, die durch persönliche Beratung ergänzt werden.

Fazit:

  • Hilfe als Menschenrecht und gesellschaftliche Aufgabe
  • Hilfe bei Alltagssituationen ist dann wirksam, wenn sie nicht bei der Einzelfallhilfe stehen bleibt, sondern Systeme verändert.

Was wir zur Lösung dieser Probleme wirklich brauchen ist:

Prävention:
Früherkennung von Schieflagen (z.B. bei drohendem Wohnungsverlust).

Empowerment:
Menschen befähigen, ihre Rechte zu kennen und durchzusetzen.

Vernetzung:
Sektorübergreifende Kooperation von Justiz, Sozialamt, Wohnungswirtschaft und zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Politische Advocacy:
Lobbyarbeit für wohnungs- und sozialpolitische Reformen.


Die „Alltagssituation“
ist letztlich der Prüfstein einer solidarischen Gesellschaft.

An ihr zeigt sich, ob wir es schaffen, niemanden zurückzulassen – weder den entlassenen Strafgefangenen, die obdachlose Person mit Hund, noch die ältere Dame, die nach einer Eigenbedarfskündigung verzweifelt.

Die Lösungen sind da; sie müssen nur mutig und konsequent umgesetzt werden!