Warum wir uns selbst im Weg stehen
• Alternative Wohnformen in Zeiten der Mietexplosion
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mieten explodieren, Lebenshaltungskosten
steigen, und gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die allein und isoliert leben.
Besonders im Alter, wenn Gebrechlichkeit dazu kommt, scheint der Weg vorgezeichnet:
Pflegeheim. Zimmer 398. Frau Müller, der man morgens die Zähne putzt. Herr Meier,
dem man die Windel wechselt.
Doch ist das wirklich der einzige Weg? Oder sind wir nur zu feige, über unseren eigenen
Schatten zu springen?
Die paradoxe Einsamkeit der teuren Vier Wände
Wir beschweren uns täglich darüber, wie teuer der Gärtner ist, dass die Putzhilfe Geld
kostet, das wir eigentlich nicht haben. Die Familie hat sich verflüchtigt – Kinder sind
weggezogen, Partnerschaften zerbrochen. Was bleibt, ist oft: eine zu große, zu teure, zu
leere Wohnung. Und die Angst vor dem Tag, an dem wir sie nicht mehr halten können.
Dabei gäbe es Alternativen, nicht nur theoretisch, welche anderswo längst Realität ist
Schauen wir über den Tellerrand:

Finnland & Norwegen:
Gemeinschaftliche Wohnprojekte sind hier Teil der Daseinsvorsorge, Generationenübergreifend und inklusiv.

Amsterdam:
Aus Container-Stellplätzen wurden bunte, lebendige Quartiere mit Cafés, Gemeinschaftsgärten und sozialem Leben.

Wien:
Die „Sargfabrik“ war eines der ersten und erfolgreichsten alternativen Wohnmodelle – kein Luxusprojekt, sondern bezahlbarer, gemeinschaftlicher Wohnraum.
Und hier?
In Bayern, dem teuersten Bundesland, scheitern die meisten Projekte nicht
der Idee, sondern am System. Unser Augenmerk liegt zu oft auf Gewinn, nicht auf dem
Menschen. Es ist ein Betrug an der Gesellschaft, wenn Fördergelder für sozialen Wohnbau
nach einigen Jahren verfallen und die Wohnungen teuer weitervermietet werden. Jeder
Mensch hat das Recht auf bezahlbaren Wohnraum.
Warum stehen wir uns selbst im Weg?
Haben wir Angst davor, dass andere Menschen uns in unserer eigenen Wohnung stören?
Dass sie uns unserer Privatsphäre – oder schlimmer: unserer Menschlichkeit –
berauben? Dass wir plötzlich teilen müssen?
Die Wahrheit ist:
Es gibt keinen perfekt passenden Menschen. Es gibt nur Menschen, die
bereit sind, den Quantensprung zu wagen. Die bereit sind zu lernen, dass Gemeinschaft
nicht bedeutet, sich aufzugeben, sondern sich zu bereichern.
Konkrete Wege, die es bereits gibt.
Ich möchte hier das Mietshäuser Syndikat hervorheben – eine Bewegung, die in Freiburg
begann und sich über ganz Deutschland ausbreitet (außer, typisch, hier in unserer
Region).
Hier werden Häuser nicht verkauft, sondern einer Gemeinschaft übergeben. Sie
werden umgebaut und gestaltet für Menschen, die:
- ihr eigenes kleines Reich haben,
- Autos und Gärten teilen,
- und doch in einer verbindlichen Gemeinschaft leben.
Oder schauen wir nach Altötting:
Zwei junge Männer haben dort etwas Fantastisches auf die Beine gestellt. Warum bekommen wir so etwas hier nicht hin?
Eine Einladung zum Teilen?
Dies ist keine rhetorische Frage, sondern eine konkrete Einladung:
Wenn ihr alternative Wohnmodelle kennt – ob Clusterwohnungen, Mehrgenerationenhäuser, genossenschaftliche Projekte oder andere Formen – dann teilt sie!
Wenn ihr in einem solchen Modell lebt, erzählt davon!
Wenn ihr Ideen habt, wie wir hier in unserer Region endlich vorankommen können, lasst
uns reden!
Ich selbst kann vor allem das Mietshäuser Syndikat präsentieren. Aber ich weiß, dass es
unzählige andere Ansätze gibt.
Der Quantensprung beginnt im Kopf
Es geht nicht darum, das Pflegeheim zu verdammen. Es geht darum, Wahlmöglichkeiten
zu schaffen. Es geht darum, nicht aus finanzieller Not oder aus Angst vor Einsamkeit in
eine Einrichtung zu gehen, sondern aus echter Überzeugung.
Die Frage ist nicht: „Können wir uns das leisten?“
Die Frage ist: „Können wir es uns leisten, so weiterzumachen?“
Solange wir nur die Schattenseiten des gemeinsamen Wohnens sehen – den
vermeintlichen Kontrollverlust, die Kompromisse –, solange werden wir in unseren
teuren Einzelzellen vereinsamen.
- Es ist Zeit für den Sprung.
- Es ist Zeit für neue Modelle.
- Es ist Zeit, dass wir sie selbst in die Hand nehmen.
Teilt eure Erfahrungen. Diskutiert. Findet Gleichgesinnte.
Gemeinsam können wir Wohnraum schaffen, der nicht nur ein Dach über dem Kopf ist,
sondern ein Zuhause im wahrsten Sinne des Wortes.