Aus meiner Biografie

Lady’s letzter Weg: Abschied über den Regenbogen

Es war einer jener Herbsttage in Mauerkirchen, an denen die Luft nach Holzrauch und feuchtem Laub schmeckte und die Sonne ein goldenes, mildes Licht über die Dächer legte – als wollte sie den Tag sanft machen für das, was kommen musste. In meiner Brust jedoch tobte ein stummer Sturm. Lady, meine kleine, süße Gefährtin, lag zitternd in meinen Armen. Ihr sonst so glänzendes Fell wirkte matt, und ihre Augen – diese klugen, fast menschlichen Augen – blickten mich an, als wüssten sie, als verabschiedeten sie sich bereits.

Blut und Ohnmacht

Schon seit Tagen hatte ich bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Zuerst waren es nur kleine rosa Flecken in ihrem Körbchen, dann mehr, schließlich deutliches Blut. Sie fraß kaum noch, und dieses furchtbare Gefühl stieg in mir auf: dass sich etwas in ihr auflöste, dass sie mir Stück für Stück entglitt.

Ich hatte kein Geld für einen Tierarzt – nicht damals, nicht nach all den Umzügen und den Nächten, in denen ich mir den Schlaf vom Mund abgespart hatte. Doch das Schicksal war „gnädig“ genug, mir einen Tierarzt in den Weg zu führen – einen, der eigentlich Kühe und Schweine behandelte.

Sein Blick sagte alles, noch bevor er den Mund öffnete. „Da ist etwas im Darm, das da nicht hingehört. Ein Tumor, wahrscheinlich. Sie wird nur noch leiden.“ Die Worte trafen mich wie ein stumpfer Schlag.

Untersuchungen? Operationen? Summen, die ich nicht aufbringen konnte – nicht in diesem Leben. Ich sah Lady an, und sie sah mich an, als wollte sie sagen: Es ist okay. Ich verstehe.

Die Entscheidung, die mich zerreißt

Lady war kein gewöhnlicher Hund. Sie war eine Seele in Fell, eine Wächterin, manchmal eine Seherin. Sie hatte Dinge gewusst, bevor sie passierten. Sie hatte mich getröstet, als alles andere zerbrach, und war an meiner Seite geblieben, egal wie oft wir unsere Koffer packten.

Jetzt musste ich die Entscheidung treffen. Sollte ich sie leiden lassen, nur weil ich nicht loslassen konnte? Oder sollte ich ihr den letzten Liebesdienst erweisen – sie gehen lassen, bevor der Schmerz sie völlig zermürbte?

Ich wählte den Weg, der mir das Herz brach.

Der letzte Tag

Wir gingen all ihre Lieblingswege. Zum Dorfcafé, wo ihr Napf noch immer unter dem Tresen stand, als würde sie jeden Moment hereintapsen. Ich kaufte ihr ein Stück Kuchen, das sie nur noch müde ableckte.

In dieser Nacht hielt ich sie fest, atmete ihren Geruch ein, strich über ihr weiches Fell, als könnte ich sie so in mir einschließen für alle Zeit.

Am Morgen gab ich ihr ein Valium – nicht, weil ich wollte, sondern weil ich nicht ertrug, wie sehr ihr kleiner Körper vor Schmerz und Angst zitterte.

Der Tierarzt kam ins Haus – ein letzter Akt der Gnade. Als die Spritze wirkte, spürte ich, wie sie in meinen Armen schwer wurde, wie die Anspannung aus ihren Gliedern wich. Meine Tränen fielen auf ihr Fell, und ich flüsterte:

„Lauf, Lady. Lauf über den Regenbogen. Ich komme nach. Versprochen.“

Ein Garten voller Erinnerungen

Später kamen Maria und Toni mit einer Flasche Schnaps und einer Schaufel. Wir gruben ein Loch in ihrem Garten, unter dem Bergpanorama, das Lady so geliebt hatte. Die Erde fühlte sich kalt an in meinen Händen, als wollte sie sagen: Sie ist nicht mehr hier.

Doch ich wusste, ihr Geist war längst woanders – bei all denen, die vor uns gegangen waren, bereit, mich eines Tages mit strahlenden Augen und wedelndem Stummelschwanz zu empfangen.

Die Schuld und die Hoffnung

Bis heute frage ich mich: Hätte ich mehr tun können? Hätte Geld sie retten können? Oder war es einfach ihre Zeit? Vielleicht ist das die größte Qual – nie ganz sicher zu sein, ob man richtig gehandelt hat, ob man genug getan hat.

Doch eines weiß ich: Lady hat mir verziehen. Ich spüre es. Irgendwo jenseits des Regenbogens wartet sie. Und wenn ich eines Tages komme, wird sie mich anspringen wie damals – als wäre keine Sekunde vergangen.

Bis dahin bleibt sie in meinem Herzen.
Unvergessen. Immer.

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