Die Liebe meines Lebens.
Ich war damals zwanzig. Er war achtzehn.
Zwei Jahre Altersunterschied – heute würde niemand mehr darüber sprechen. Aber damals, in diesem einen Augenblick, als sich unsere Blicke trafen, da zählte gar nichts mehr. Keine Zahlen. Keine Vernunft. Kein „Das kann nicht gutgehen“. Nur er. Nur ich. Nur dieser eine magische Moment, der mein ganzes Leben für immer verändern sollte.
Es war nach einem Urlaub in Österreich, als ich in Koblenz meine Zelte abbrach. Ich hatte das Gefühl, dass mich zu Hause nichts mehr hielt, dass irgendwo da draußen etwas auf mich wartete. Also packte ich meine Sachen und fuhr nach Zell am See, in die Berge, in ein kleines Dorf, in dem ich durch einen Bekannten eine Pension gefunden hatte. Es war schon spät, als ich eincheckte, müde von der Fahrt, voller Hoffnung auf das, was kommen würde.
Ich ahnte nicht, dass das, was kam, schon im nächsten Morgen auf mich wartete.
Heute, fast fünfzig Jahre später, kann ich sagen: Ich habe diesen Augenblick nie vergessen. Kein einziges Detail. Keine einzige Sekunde.
Ich trat aus meinem Zimmer, ging den Flur entlang zur Treppe, um nach unten zum Frühstück zu gehen. Und dann sah ich ihn. Er stand unten an der Treppe, den Blick nach oben gerichtet, als hätte er genau in diesem Moment hochsehen müssen. Als hätte ihn jemand gerufen. Als wäre es vorherbestimmt.
Er sah zu mir herauf. Ich sah zu ihm hinab. Und dann geschah etwas, das ich vorher nie erlebt hatte und nachher nie wieder erleben sollte. Es machte Klick. In mir. In ihm. In uns.
Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Wenn zwei Menschen sich ansehen und plötzlich alles andere verschwindet. Die Geräusche. Die Menschen um einen herum. Die Zeit. Es gab nur noch ihn. Nur noch diesen Blick. Nur noch dieses Lächeln, das sich langsam auf seinem Gesicht ausbreitete, als hätte er gerade das schönste Geschenk seines Lebens bekommen.
Christian.
Christian mit seinem entwaffnenden Lächeln, das mich wehrlos machte. Mit einer Energie, die mich aus der Bahn warf, aus meinem ganzen bisherigen Leben, aus allen Sicherheiten, die ich mir aufgebaut hatte. In diesem einen Moment wusste ich es mit einer Klarheit, die mich selbst erschreckte: Dieser Mensch würde mich für immer prägen. Zu ihm würde ich eine Bindung aufbauen, ein Gefühl entwickeln, wie ich es vorher nie gekannt hatte und nachher nie wieder finden würde.
Wir verabredeten uns noch am selben Vormittag. Ich weiß nicht mehr, wer von uns den ersten Schritt machte. Es war einfach da. Dieses Wissen, dass wir uns wiedersehen würden, dass wir uns näherkommen würden, dass das erst der Anfang war.
Ich war glücklich. Nein, das Wort ist zu klein. Ich war glücklich bis zum Gehtnichtmehr. Bis zu dem Punkt, an dem Glück nicht mehr nur ein Gefühl ist, sondern ein Zustand. Ein Schweben. Eine Schwerelosigkeit. Alles, was ich tat, dachte ich mit Christian. Alles, was ich sah, sah ich mit seinen Augen. Alles, was ich fühlte, fühlte ich durch ihn.
Am Mittag gingen wir gemeinsam in die Berge. Die Luft war klar und kalt, die Gipfel weiß, der Himmel so blau, wie er nur im Herbst sein kann. Wir redeten und redeten und redeten. Über uns. Über unsere Träume. Über das Leben. Und irgendwann redeten wir gar nicht mehr, sondern ließen einfach die Stille zwischen uns sein, diese wunderbare Stille, die nur dann entsteht, wenn zwei Menschen sich nah sind, ohne Worte zu brauchen.
Natürlich fiel mir auf, dass Christian, anderthalb Jahre jünger als ich, noch mitten im Abitur steckte. In Österreich nennen sie das Matura. Und natürlich fiel mir auf, dass er manchmal kurz innehielt, wenn er von zu Hause sprach. Von seinem Vater, einem strengen Polizeibeamten, der klare Vorstellungen hatte, wie das Leben seines Sohnes zu verlaufen hatte. Und eine Freundin, die fast zwei Jahre älter war und noch dazu aus Deutschland, passte da nicht hinein. Gar nicht.
Aber an diesem Tag, da zählten nur wir zwei. Nur die Berge. Nur das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, mit dem richtigen Menschen, zur richtigen Zeit.
Die Tage wurden zu Wochen. Ich fand ein kleines Zimmer in der Nähe, nichts Besonderes, ein bescheidener Ort zur Untermiete. Eine Kochnische, ein Bett, ein Tisch, eine Heizung. Mehr nicht. Aber es wurde unser Ort. Unser geheimes Fleckchen Erde. Unser Zuhause, in dem wir sein konnten, wer wir wirklich waren, ohne dass die Welt uns dabei zusah.
Christian.
Die Liebe meines Lebens.
Ich war damals zwanzig. Er war achtzehn.
Zwei Jahre Altersunterschied – heute würde niemand mehr darüber sprechen. Aber damals, in diesem einen Augenblick, als sich unsere Blicke trafen, da zählte gar nichts mehr. Keine Zahlen. Keine Vernunft. Kein „Das kann nicht gutgehen“. Nur er. Nur ich. Nur dieser eine magische Moment, der mein ganzes Leben für immer verändern sollte.
Es war nach einem Urlaub in Österreich, als ich in Koblenz meine Zelte abbrach. Ich hatte das Gefühl, dass mich zu Hause nichts mehr hielt, dass irgendwo da draußen etwas auf mich wartete. Also packte ich meine Sachen und fuhr nach Zell am See, in die Berge, in ein kleines Dorf, in dem ich durch einen Bekannten eine Pension gefunden hatte. Es war schon spät, als ich eincheckte, müde von der Fahrt, voller Hoffnung auf das, was kommen würde.
Ich ahnte nicht, dass das, was kam, schon im nächsten Morgen auf mich wartete.
Heute, fast fünfzig Jahre später, kann ich sagen: Ich habe diesen Augenblick nie vergessen. Kein einziges Detail. Keine einzige Sekunde.
Ich trat aus meinem Zimmer, ging den Flur entlang zur Treppe, um nach unten zum Frühstück zu gehen. Und dann sah ich ihn. Er stand unten an der Treppe, den Blick nach oben gerichtet, als hätte er genau in diesem Moment hochsehen müssen. Als hätte ihn jemand gerufen. Als wäre es vorherbestimmt.
Er sah zu mir herauf. Ich sah zu ihm hinab. Und dann geschah etwas, das ich vorher nie erlebt hatte und nachher nie wieder erleben sollte. Es machte Klick. In mir. In ihm. In uns.
Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Wenn zwei Menschen sich ansehen und plötzlich alles andere verschwindet. Die Geräusche. Die Menschen um einen herum. Die Zeit. Es gab nur noch ihn. Nur noch diesen Blick. Nur noch dieses Lächeln, das sich langsam auf seinem Gesicht ausbreitete, als hätte er gerade das schönste Geschenk seines Lebens bekommen.
Christian.
Christian mit seinem entwaffnenden Lächeln, das mich wehrlos machte. Mit einer Energie, die mich aus der Bahn warf, aus meinem ganzen bisherigen Leben, aus allen Sicherheiten, die ich mir aufgebaut hatte. In diesem einen Moment wusste ich es mit einer Klarheit, die mich selbst erschreckte: Dieser Mensch würde mich für immer prägen. Zu ihm würde ich eine Bindung aufbauen, ein Gefühl entwickeln, wie ich es vorher nie gekannt hatte und nachher nie wieder finden würde.
Wir verabredeten uns noch am selben Vormittag. Ich weiß nicht mehr, wer von uns den ersten Schritt machte. Es war einfach da. Dieses Wissen, dass wir uns wiedersehen würden, dass wir uns näherkommen würden, dass das erst der Anfang war.
Ich war glücklich. Nein, das Wort ist zu klein. Ich war glücklich bis zum Gehtnichtmehr. Bis zu dem Punkt, an dem Glück nicht mehr nur ein Gefühl ist, sondern ein Zustand. Ein Schweben. Eine Schwerelosigkeit. Alles, was ich tat, dachte ich mit Christian. Alles, was ich sah, sah ich mit seinen Augen. Alles, was ich fühlte, fühlte ich durch ihn.
Am Mittag gingen wir gemeinsam in die Berge. Die Luft war klar und kalt, die Gipfel weiß, der Himmel so blau, wie er nur im Herbst sein kann. Wir redeten und redeten und redeten. Über uns. Über unsere Träume. Über das Leben. Und irgendwann redeten wir gar nicht mehr, sondern ließen einfach die Stille zwischen uns sein, diese wunderbare Stille, die nur dann entsteht, wenn zwei Menschen sich nah sind, ohne Worte zu brauchen.
Natürlich fiel mir auf, dass Christian, anderthalb Jahre jünger als ich, noch mitten im Abitur steckte. In Österreich nennen sie das Matura. Und natürlich fiel mir auf, dass er manchmal kurz innehielt, wenn er von zu Hause sprach. Von seinem Vater, einem strengen Polizeibeamten, der klare Vorstellungen hatte, wie das Leben seines Sohnes zu verlaufen hatte. Und eine Freundin, die fast zwei Jahre älter war und noch dazu aus Deutschland, passte da nicht hinein. Gar nicht.
Aber an diesem Tag, da zählten nur wir zwei. Nur die Berge. Nur das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, mit dem richtigen Menschen, zur richtigen Zeit.
Die Tage wurden zu Wochen. Ich fand ein kleines Zimmer in der Nähe, nichts Besonderes, ein bescheidener Ort zur Untermiete. Eine Kochnische, ein Bett, ein Tisch, eine Heizung. Mehr nicht. Aber es wurde unser Ort. Unser geheimes Fleckchen Erde. Unser Zuhause, in dem wir sein konnten, wer wir wirklich waren, ohne dass die Welt uns dabei zusah.
Es gab stille Nächte mit Christian.
Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er sich abends zu mir stahl. Wie er leise die Tür öffnete, als müssten wir uns vor der ganzen Welt verstecken. Immer kamen seine Socken nass herein. Draußen hatte es oft geregnet, oder der Schnee war schon geschmolzen in den Bergen. Er zog sie aus, ganz selbstverständlich, als wäre dies der natürlichste Ort der Welt, und hängte sie über die Heizung.
Dieses Bild hat sich mir eingebrannt. Ich brauche nur die Augen zu schließen, und ich sehe es wieder: Seine Socken auf meiner Heizung, daneben seine Schuhe, ein bisschen Dreck noch vom Weg. Und er selbst. Wie er sich zu mir auf das schmale Bett setzte, seine Hand nach mir ausstreckte, mich ansah mit diesem Blick, der mir sagte: Hier bin ich. Bei dir. Für dich.
In diesen Nächten zählte nichts anderes. Nicht sein strenger Vater. Nicht die Matura, die vor ihm lag. Nicht die Frage, wie es weitergehen sollte. Nicht die Zweifel, die sich manchmal in meine Gedanken stahlen, wenn ich allein war. Nur wir. Nur seine Nähe. Nur das leise Atmen in der Dunkelheit. Nur seine Hand, die nach meiner suchte, im Halbschlaf, als wollte sie mich auch im Traum nicht verlieren.
Ich habe in meinem Leben nie wieder eine solche Nähe gefühlt. So etwas vollkommen Selbstverständliches. Als wären wir zwei Hälften, die endlich zusammengefunden hatten.
Aber dann kam der Abend, an dem alles anders wurde.
Christian war mit seinen Eltern in Salzburg, bei einer Veranstaltung. Ich wartete auf ihn, so wie ich immer auf ihn wartete. Saß in meinem kleinen Zimmer, sah aus dem Fenster, hörte auf seine Schritte. Aber als er zurückkam, war etwas anders.
Er war da. Aber nicht wirklich da.
Seine Augen sahen mich an, aber ich fand sie nicht mehr. Sein Lächeln war da, aber es erreichte mich nicht. Er saß neben mir auf dem Bett, aber er war meilenweit entfernt.
In den Tagen danach spürte ich, wie er sich zurückzog. Millimeterweise. Zentimeterweise. So leise, so sanft, dass ich es kaum benennen konnte. Aber ich fühlte es. Mit jeder Faser meines Körpers fühlte ich, wie er sich von mir löste.
Ich versuchte zu verstehen. Fragte ihn, was los sei. Aber er sprach nicht darüber. Er wurde stiller, zurückhaltender, verabschiedete sich früher, kam seltener. Bis er eines Abends den Mut fand, mir zu sagen, was ich längst wusste: Sein Vater hatte mit ihm gesprochen. Nachdrücklich. Unmissverständlich. Christian solle sich auf das konzentrieren, was wichtig sei. Auf seine Zukunft. Auf die Matura. Auf ein Leben, das vor ihm lag – und nicht auf eine Frau, die nicht in dieses Bild passte.
Ich hasste diesen Vater damals. Ich hasste ihn für das, was er meinem Christian antat. Was er uns antat. Aber ich hasste ihn auch, weil ich insgeheim wusste, dass er vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Christian war so jung. Sein Leben lag noch vor ihm. Und ich? Ich war nur eine Station. Eine wunderbare, aber eben eine Station.
Wir sprachen nicht viel in diesen letzten Tagen. Es gab nichts mehr zu sagen. Die Worte waren alle verbraucht. Übrig blieb nur der Schmerz, der sich irgendwann nicht mehr anfühlt wie Schmerz, sondern wie eine Taubheit, die alles überzieht.
Christian habe ich in meinem Leben noch zweimal gesehen.
Das erste Mal war zwanzig Jahre später. Ich lebte inzwischen in Rosenheim, hatte mein Leben geordnet, vielleicht sogar gemeistert. Die Erinnerung an Zell am See lag weit zurück, wie ein schöner Traum, den man irgendwann nicht mehr ganz fassen kann.
Er stand eines Tages vor meiner Tür.
Ich weiß nicht mehr, wie er mich gefunden hatte. Vielleicht über gemeinsame Bekannte, vielleicht hatte er einfach gesucht, bis er fand. Er sah anders aus, älter natürlich, reifer, aber als er lächelte, dieses entwaffnende Lächeln, da war er wieder. Mein Christian. Ganz kurz nur. Für einen Augenblick, der nicht länger währte als ein Herzschlag.
Wir saßen in meiner kleinen Küche, tranken Kaffee, sprachen über das Leben. Er hatte studiert, war geworden, was sein Vater sich gewünscht hatte. War verheiratet, hatte Kinder, ein Haus, ein geordnetes Leben. Und ich? Ich hatte auch mein Leben. Mein eigenes, anderes, fernab von den Bergen und den stillen Nächten.
Wir sprachen nicht über das, was gewesen war. Es gab keinen Grund mehr dafür. Es lag so weit zurück, so unendlich weit. Aber als er ging, als er sich von mir verabschiedete mit diesem Blick, der mich immer noch traf, da wusste ich: Es war richtig gewesen. Alles. Der Schmerz. Die Sehnsucht. Die Jahre des Vermissens. Es war richtig, weil es echt war. Weil es das einzige Mal in meinem Leben war, dass ich wirklich, wirklich geliebt habe.
Das zweite Mal war vor kurzem.
Ich besuchte ihn. Er wohnt immer noch in Österreich, in einem kleinen Ort, nicht weit von dem, wo alles begann. Wir saßen in seinem Garten, tranken Tee, schauten auf die Berge, die immer noch da waren. Unverändert. Wie damals.
Er ist älter geworden, grau, ruhiger. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen, bei ihm wie bei mir. Aber als er mich ansah, als er mir zulächelte, dieses alte Lächeln, das mich immer noch wehrlos macht, da war er wieder. Ganz kurz nur. Für einen Herzschlag. Mein Christian.
Wir sprachen über unsere Kinder, über das Alter, über die kleinen Dinge, die das Leben ausmachen. Nicht über damals. Nicht über die stillen Nächte und die nassen Socken auf der Heizung. Aber ich wusste, während ich ihm zuhörte, während ich seinen Händen zusah, die jetzt etwas zittrig waren: Er hat es auch nicht vergessen. Kein einziges Detail. Keine einzige Sekunde.
Als ich ging, umarmte er mich. Lange. Fest. Und flüsterte in mein Ohr: „Weißt du noch?“
Ich wusste. Ich weiß immer noch.
Manchmal, heute, fast fünfzig Jahre später, sitze ich in meinem Zimmer und schließe die Augen. Dann sehe ich die Treppe. Ich sehe ihn unten stehen, den Kopf gehoben, das Lächeln im Gesicht. Ich spüre diesen Augenblick, dieses Klick, dieses In-einem-anderen-Menschen-Ankommen, so deutlich, so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen.
Ich habe nie wieder so gefühlt. Ich habe nie wieder diese Nähe erlebt, diese Selbstverständlichkeit, dieses Bei-sich-selbst-Ankommen in den Armen eines anderen Menschen.
Aber ich bin nicht traurig darüber. Ich bin dankbar. Dankbar, dass es ihn gab. Dass es uns gab. Dass ich für eine kurze Zeit, für ein paar Wochen, für ein paar stille Nächte, das Glück halten durfte.
Christian.
Die Liebe meines Lebens.
Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er sich abends zu mir stahl. Wie er leise die Tür öffnete, als müssten wir uns vor der ganzen Welt verstecken. Immer kamen seine Socken nass herein. Draußen hatte es oft geregnet, oder der Schnee war schon geschmolzen in den Bergen. Er zog sie aus, ganz selbstverständlich, als wäre dies der natürlichste Ort der Welt, und hängte sie über die Heizung.
Dieses Bild hat sich mir eingebrannt. Ich brauche nur die Augen zu schließen, und ich sehe es wieder: Seine Socken auf meiner Heizung, daneben seine Schuhe, ein bisschen Dreck noch vom Weg. Und er selbst. Wie er sich zu mir auf das schmale Bett setzte, seine Hand nach mir ausstreckte, mich ansah mit diesem Blick, der mir sagte: Hier bin ich. Bei dir. Für dich.
In diesen Nächten zählte nichts anderes. Nicht sein strenger Vater. Nicht die Matura, die vor ihm lag. Nicht die Frage, wie es weitergehen sollte. Nicht die Zweifel, die sich manchmal in meine Gedanken stahlen, wenn ich allein war. Nur wir. Nur seine Nähe. Nur das leise Atmen in der Dunkelheit. Nur seine Hand, die nach meiner suchte, im Halbschlaf, als wollte sie mich auch im Traum nicht verlieren.
Ich habe in meinem Leben nie wieder eine solche Nähe gefühlt. So etwas vollkommen Selbstverständliches. Als wären wir zwei Hälften, die endlich zusammengefunden hatten.
Aber dann kam der Abend, an dem alles anders wurde.
Christian war mit seinen Eltern in Salzburg, bei einer Veranstaltung. Ich wartete auf ihn, so wie ich immer auf ihn wartete. Saß in meinem kleinen Zimmer, sah aus dem Fenster, hörte auf seine Schritte. Aber als er zurückkam, war etwas anders.
Er war da. Aber nicht wirklich da.
Seine Augen sahen mich an, aber ich fand sie nicht mehr. Sein Lächeln war da, aber es erreichte mich nicht. Er saß neben mir auf dem Bett, aber er war meilenweit entfernt.
In den Tagen danach spürte ich, wie er sich zurückzog. Millimeterweise. Zentimeterweise. So leise, so sanft, dass ich es kaum benennen konnte. Aber ich fühlte es. Mit jeder Faser meines Körpers fühlte ich, wie er sich von mir löste.
Ich versuchte zu verstehen. Fragte ihn, was los sei. Aber er sprach nicht darüber. Er wurde stiller, zurückhaltender, verabschiedete sich früher, kam seltener. Bis er eines Abends den Mut fand, mir zu sagen, was ich längst wusste: Sein Vater hatte mit ihm gesprochen. Nachdrücklich. Unmissverständlich. Christian solle sich auf das konzentrieren, was wichtig sei. Auf seine Zukunft. Auf die Matura. Auf ein Leben, das vor ihm lag – und nicht auf eine Frau, die nicht in dieses Bild passte.
Ich hasste diesen Vater damals. Ich hasste ihn für das, was er meinem Christian antat. Was er uns antat. Aber ich hasste ihn auch, weil ich insgeheim wusste, dass er vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Christian war so jung. Sein Leben lag noch vor ihm. Und ich? Ich war nur eine Station. Eine wunderbare, aber eben eine Station.
Wir sprachen nicht viel in diesen letzten Tagen. Es gab nichts mehr zu sagen. Die Worte waren alle verbraucht. Übrig blieb nur der Schmerz, der sich irgendwann nicht mehr anfühlt wie Schmerz, sondern wie eine Taubheit, die alles überzieht.
Christian habe ich in meinem Leben noch zweimal gesehen.
Das erste Mal war zwanzig Jahre später. Ich lebte inzwischen in Rosenheim, hatte mein Leben geordnet, vielleicht sogar gemeistert. Die Erinnerung an Zell am See lag weit zurück, wie ein schöner Traum, den man irgendwann nicht mehr ganz fassen kann.
Er stand eines Tages vor meiner Tür.
Ich weiß nicht mehr, wie er mich gefunden hatte. Vielleicht über gemeinsame Bekannte, vielleicht hatte er einfach gesucht, bis er fand. Er sah anders aus, älter natürlich, reifer, aber als er lächelte, dieses entwaffnende Lächeln, da war er wieder. Mein Christian. Ganz kurz nur. Für einen Augenblick, der nicht länger währte als ein Herzschlag.
Wir saßen in meiner kleinen Küche, tranken Kaffee, sprachen über das Leben. Er hatte studiert, war geworden, was sein Vater sich gewünscht hatte. War verheiratet, hatte Kinder, ein Haus, ein geordnetes Leben. Und ich? Ich hatte auch mein Leben. Mein eigenes, anderes, fernab von den Bergen und den stillen Nächten.
Wir sprachen nicht über das, was gewesen war. Es gab keinen Grund mehr dafür. Es lag so weit zurück, so unendlich weit. Aber als er ging, als er sich von mir verabschiedete mit diesem Blick, der mich immer noch traf, da wusste ich: Es war richtig gewesen. Alles. Der Schmerz. Die Sehnsucht. Die Jahre des Vermissens. Es war richtig, weil es echt war. Weil es das einzige Mal in meinem Leben war, dass ich wirklich, wirklich geliebt habe.
Das zweite Mal war vor kurzem.
Ich besuchte ihn. Er wohnt immer noch in Österreich, in einem kleinen Ort, nicht weit von dem, wo alles begann. Wir saßen in seinem Garten, tranken Tee, schauten auf die Berge, die immer noch da waren. Unverändert. Wie damals.
Er ist älter geworden, grau, ruhiger. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen, bei ihm wie bei mir. Aber als er mich ansah, als er mir zulächelte, dieses alte Lächeln, das mich immer noch wehrlos macht, da war er wieder. Ganz kurz nur. Für einen Herzschlag. Mein Christian.
Wir sprachen über unsere Kinder, über das Alter, über die kleinen Dinge, die das Leben ausmachen. Nicht über damals. Nicht über die stillen Nächte und die nassen Socken auf der Heizung. Aber ich wusste, während ich ihm zuhörte, während ich seinen Händen zusah, die jetzt etwas zittrig waren: Er hat es auch nicht vergessen. Kein einziges Detail. Keine einzige Sekunde.
Als ich ging, umarmte er mich. Lange. Fest. Und flüsterte in mein Ohr: „Weißt du noch?“
Ich wusste. Ich weiß immer noch.
Manchmal, heute, fast fünfzig Jahre später, sitze ich in meinem Zimmer und schließe die Augen. Dann sehe ich die Treppe. Ich sehe ihn unten stehen, den Kopf gehoben, das Lächeln im Gesicht. Ich spüre diesen Augenblick, dieses Klick, dieses In-einem-anderen-Menschen-Ankommen, so deutlich, so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen.
Ich habe nie wieder so gefühlt. Ich habe nie wieder diese Nähe erlebt, diese Selbstverständlichkeit, dieses Bei-sich-selbst-Ankommen in den Armen eines anderen Menschen.
Aber ich bin nicht traurig darüber. Ich bin dankbar. Dankbar, dass es ihn gab. Dass es uns gab. Dass ich für eine kurze Zeit, für ein paar Wochen, für ein paar stille Nächte, das Glück halten durfte.
Christian.
Die Liebe meines Lebens.