Die bequeme Lüge:

Warum Rosenheim nicht baut – und was Corona damit zu tun hat

Ja, wir haben einen Wohnungsnotstand. Aber keinen Willen, ihn zu bekämpfen.

Ein Blick auf Rosenheims Bauplakate – oder auf das, was dort fehlt – reicht aus. Corona hat uns eines gezeigt: Wenn die Politik etwas wirklich will, geht alles plötzlich sehr schnell. Innerhalb weniger Wochen wurden Grundrechte neu justiert und milliardenschwere Hilfspakete geschnürt.

Doch bei der Wohnungskrise? Da heißt es plötzlich:

„Das geht nicht. Zu viel Bürokratie. Zu kompliziert. Dauert zu lange.“

Das ist nicht die Wahrheit. Das ist eine bequeme Lüge.

Der Unterschied liegt nicht zwischen „möglich“ und „unmöglich“, sondern zwischen echtem Notstand und bequemer Gleichgültigkeit.


Was läuft falsch? Ein Blick hinter die Kulissen

1. Spekulation & Verdrängung

Rosenheims Lage lockt nicht Menschen, sondern Kapital. Immobilien werden als Assets gehandelt, nicht als Wohnraum.

  • Preise steigen ins Schwindelerregende
  • Löhne und Renten bleiben zurück
  • Die soziale Durchmischung stirbt

2. Zersiedelung & Flächenfraß

Statt klug zu verdichten, baut man auf der „grünen Wiese“ (Mangfallpark, Südliche Au). Das Ergebnis:

  • autofixierte Schlafsiedlungen
  • ohne Seele
  • ohne Kitas
  • ohne Ärzte
  • ohne Leben

Die Stadt wird auseinandergerissen.

3. Der falsche Wohnungstyp

Gebaut wird, was Profit bringt:

  • teure Eigentumswohnungen
  • große Mietwohnungen für Gutverdiener

Was fehlt?

  • kleine, bezahlbare Wohnungen
  • Angebote für Singles, Senioren, Trennungskinder
  • gemeinschaftliche Wohnformen

Sträflich vernachlässigt.

4. Verlust des Gemeinwohls

Wohnen wird als Marktproblem verwaltet, nicht als Grundrecht organisiert. Die Idee, dass eine Stadt für ihre Bewohner da sein muss, ist verloren gegangen.

Das Ergebnis: Ein verlorenes Wir in anonymen Treppenhäusern.


Wie kann man es ändern? Nicht mit Kosmetik – mit Politik

Die Werkzeuge liegen längst bereit. Man muss sie nur benutzen.

1. Grundstücke der Spekulation entziehen

  • Vorkaufsrecht der Stadt konsequent nutzen
  • Erbbaurecht zur Regel machen
  • Bauland nur noch mit verbindlicher Sozialbindung ausweisen (mind. 50 % geförderter Wohnraum)

2. Richtig und klug verdichten

Nicht am Rand, sondern im Bestand:

  • Aufstocken
  • Baulücken schließen
  • Gewerbebrachen umnutzen
  • Grünflächen und Gemeinschaftsräume integrieren

3. Neue Wohnformen ermöglichen – und erzwingen

  • Bebauungspläne für Co‑Living, Tiny‑House‑Kollektive, Mehrgenerationenprojekte öffnen
  • eine städtische Wohnungsbaugesellschaft gründen, die bedarfsgerecht statt profitorientiert baut

4. Die Gemeinschaft zurückholen

  • Mietpreisbremse durchsetzen
  • Quartiersmanager in jedem Stadtteil
  • „Gemeinschaftspflicht“ in städtischen Mietverträgen: Wer hier lebt, trägt etwas bei

Was man sofort tun könnte

Modulare Holzhäuser auf Leerflächen

Auf brachliegenden Parkplätzen oder Gewerbebrachen. Bauzeit: Monate, nicht Jahre.

Das „Rosenheimer Modell“ im Baurecht

Experimentierklauseln nutzen, um Gewerbe und Wohnen zu mischen. So entstehen lebendige Quartiere.

Parkhäuser aufstocken

Viele Parkdecks tragen zwei bis drei zusätzliche Geschosse. Unten Parken – oben bezahlbar wohnen.


Die radikalste Idee: Wohnraum entkommerzialisieren

Eine kommunale Bürger‑Genossenschaft:

  • kauft Mietshäuser
  • saniert sie
  • vermietet sie kostendeckend
  • macht Mieter zu Teilhabern

Es fehlt nicht an Platz. Es fehlt am Willen.

Corona hat gezeigt, wie schnell Veränderung geht, wenn der Druck groß genug ist.

Die Frage ist: Wann wird der Druck der Wohnungslosen, der Verzweifelten, der Einsamen groß genug sein?

Wollen wir eine Spekulationsblume mit schöner Altstadt bleiben? Oder eine soziale, dichte, lebendige Stadt, die ihr „Wir“ zurückerobert hat?

Die Zeit der bequemen Lügen ist vorbei.

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