Was in Rosenheim schief läuft
und was Rosenheim wirklich ändern müsste
Die Stadt bietet viel, doch oft sind es nur Pflaster auf einer tiefen Wunde. Das Problem ist systemisch.
Viele Angebote für Ältere – klassische Seniorencafés, Gesprächsrunden, Nachmittage bei Kaffee und Kuchen – bleiben im Smalltalk stecken. Man redet über Wetter und Kuchen, weil es sicher ist. Doch es fehlen mutige Formate, die Tiefe, Sinn und echte Verbindung schaffen.
Gleichzeitig wächst die Stadt auseinander. In neuen Vierteln wie der Südlichen Au fehlen „dritte Orte“ – frei zugängliche, einladende Plätze zum Verweilen, nicht nur zum Konsumieren.
Wohnformen ohne Gemeinschaft – ein strukturelles Versäumnis
Der Wohnungsmarkt fördert teure Einzelwohnungen und Eigentumsblöcke, während gemeinschaftliche Wohnformen sträflich vernachlässigt werden. Neue, geförderte Gemeinschaftswohnungen und -häuser wären wichtiger denn je, doch sie gelten politisch nicht als prioritäre Aufgabe.
Es fehlen Anreize für genossenschaftliche Modelle, Mehrgenerationenhäuser und Co‑Living‑Projekte, die Gemeinschaft bereits im Grundriss verankern.
Vermieter ohne soziale Verantwortung
Ein weiteres massives Problem ist die Haltung vieler Vermieter. Wohnungen gelten als Renditeobjekte, Vermieter als reine Inkassostellen. Ihre einzige Pflicht scheint zu sein, dass die Miete pünktlich kommt.
Die soziale Verantwortung, stabile und lebendige Hausgemeinschaften zu ermöglichen, existiert praktisch nicht. Es fehlen Bewusstsein, Modelle und Verpflichtungen, die Vermieter in die Rolle von Gestaltern von Lebensraum bringen.
Parkgebühren als unsichtbarer sozialer Filter
Aggressive Parkgebühren verwandeln die Innenstadt in einen zahlungspflichtigen Club. Die ständige Sorge ums Ticket erstickt spontane Begegnungen. Wer von außerhalb kommt und nicht weiß, ob sich ein kurzer Besuch „lohnt“, bleibt oft gleich zu Hause.
Die Botschaft der Stadt lautet unfreiwillig: Deine Zeit hier kostet – buchstäblich.
Digitalisierung als Barriere statt Brücke
Es gibt Kurse zur Tablet‑Bedienung, aber kaum Angebote, wie man Technik konkret gegen Einsamkeit nutzen kann – etwa für Online‑Stammtische oder digitale Gemeinschaftsprojekte.
Der Verlust sinnstiftender Rollen
Mit dem Renteneintritt fallen Arbeit, Status und tägliche Gespräche weg. Rosenheim bietet zu wenig neue, wertgeschätzte Aufgaben für diese Lebensphase. Es fehlen Programme, die das Wissen und die Zeit Älterer einbinden – als Stadtführer, Museumserzähler oder Coaches für junge Familien.
Das Ergebnis: ein Vakuum, das Kaffee und Kuchen nicht füllen können.