Wieder Fuß fassen nach der Haft:
Warum es so schwer ist und was wirklich hilft
Der Tag der Haftentlassung ist für viele kein reiner Freudentag, sondern der Beginn einer großen Herausforderung.
Plötzlich steht man in einer Welt, die sich weitergedreht hat, und muss gleichzeitig die scheinbar einfachsten Dinge des Alltags neu organisieren.
Warum ist dieser Neustart so ungemein schwer, und was sind die entscheidenden Voraussetzungen für ein Leben in Freiheit ohne Rückfall?
Die größten Hürden nach der Entlassung.
Die Schwierigkeiten beginnen oft schon bei den grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen:
Wohnen:
Eine Wohnung oder auch nur eine zuverlässige Übernachtungsmöglichkeit zu finden, ist eine der ersten und größten Hürden.
Ohne festen Wohnsitz aber ist fast alles andere – Arbeit, Amtstermine, Stabilität – kaum zu erreichen.
Finanzieller Neustart:
Viele Entlassene stehen vor dem Nichts.
Das Entlassungsgeld ist oft die erste und einzige finanzielle Basis. Zudem sind Menschen mit Haftgeschichte überdurchschnittlich häufig von Überschuldung betroffen.
Diese Schuldenlast, die nicht selten sogar Auslöser für die Straffälligkeit war, kann wie ein lähmender Anker wirken.
Bürokratie und Absicherung:
Man ist nach der Entlassung nicht automatisch krankenversichert.
Um Ansprüche auf Leistungen wie Arbeitslosengeld zu klären, muss umgehend das Arbeitsmarktservice (AMS) kontaktiert werden.
Der Entlassungsschein wird dabei zum wichtigsten Dokument für alle Behördenwege.
Arbeit und Perspektive:
Ohne Job fehlt nicht nur das Einkommen, sondern auch eine Tagesstruktur, Anerkennung und ein Platz in der Gesellschaft.
Ohne Qualifikation oder mit einer Haftlücke im Lebenslauf ist die Suche besonders schwierig.
Die unbedingt notwendigen Voraussetzungen für einen Neustart
Erfolgreiche Resozialisierung ist kein Zufall.
Sie baut auf konkreten Säulen auf, die oft schon in der Haft gelegt werden müssen:
Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung
Der Schlüssel liegt im „Rechtzeitig“. Wer erst am Tag der Entlassung anfängt zu planen, hat schon verloren.
Kontakte zu Hilfsorganisationen (wie z.B. NEUSTART), zur Schuldnerberatung und zur Wohnungssuche müssen Wochen, wenn nicht Monate vorher geknüpft werden.
Aktive Eigeninitiative und Annahme von Hilfe
Das System bietet Wege – beschreiten muss man sie selbst. Dazu gehört, Hilfsangebote aktiv anzunehmen.
Projekte wie das „Nachsorgeprojekt Chance“ setzen genau hier an:
Ein persönlicher Begleiter hilft bereits in der Haft bei der Vorbereitung und steht nach der Entlassung für etwa drei bis sechs Monate als fester Ansprechpartner zur Seite.
Diese Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist eine entscheidende Voraussetzung.
Qualifikation und praktische Perspektive
Eine Berufsperspektive ist fundamental.
Qualifizierungsmaßnahmen während der Haft, wie sie etwa in der JVA Würzburg in Berufen wie Textilreiniger/in, Bauten- und Objektbeschichter oder Metallbau angeboten werden, sind goldwert. Sie erhöhen die Chance auf einen Job nach der Entlassung erheblich und geben Selbstvertrauen.
Die Lösung der Schuldenfrage
Eine ungelöste Schuldenlast führt fast zwangsläufig in die nächste Krise.
Die professionelle Schuldenregulierung ist daher kein Nebenschauplatz, sondern eine zentrale Resozialisierungsmaßnahme.
Sie entlastet psychisch und verhindert, dass materielle Not erneut zu strafbarem Handeln führt. Für Inhaftierte gelten dabei besondere Regelungen, etwa zur Erwerbsobliegenheit im Insolvenzverfahren.
Ein tragfähiges, stabiles Umfeld
Dazu gehören der persönliche Betreuer, aber auch der Anschluss an ein örtliches Hilfsnetzwerk, das bei Suchtproblemen, psychosozialen Fragen oder der Freizeitgestaltung unterstützt. Einsamkeit und Isolation sind gefährliche Rückfallrisiken.
Der Wegweiser:
So kann der Neustart gelingen
Die Reise beginnt nicht vor dem Gefängnistor, sondern lange davor:
In der Haft:
- Kontakt zum Sozialdienst der JVA aufnehmen.
- Nach Möglichkeiten der Berufsqualifizierung, Schuldenberatung und Nachsorgeprojekten fragen.
- Diese Brücken bauen.
- Die ersten Tage:
- Den Entlassungsschein sicher verwahren.
- Unverzüglich zum AMS gehen, um die Versicherungsfrage und Geldleistungen zu klären.
- Das Entlassungsgeld gut einteilen.
- Die ersten Wochen und Monate:
- Die Begleitung durch den Nachsorge-Betreuer konsequent nutzen.
- Kleine, realistische Tagesziele setzen.
- Geduld mit sich selbst haben. Rückschläge einkalkulieren, aber nicht aufgeben.
Die Voraussetzung dafür ist nicht Perfektion, sondern die Bereitschaft Hilfe anzunehmen, an sich zu arbeiten und niemals damit aufzuhören.
So kannst Du beruhigt nach vorne schauen!